MusicMatch Partner*innen 2019 – böse&gemein

7. März 2019

Bei MusicMatch 2018 waren sie noch Preisträger*innen in der Kategorie Industry. Ein Jahr später sind sie selbst an der Gestaltung und Umsetzung von MusicMatch beteiligt. Wir stellen vor: böse&gemein.

 

Für alle, die euch noch nicht kennen: Wer seid ihr und was macht ihr genau?

 

böse&gemein ist ein queer-feministisches, nicht-kommerzielles Veranstaltungskollektiv aus Dresden. Wir organisieren nun im fünften Jahr Konzerte, Vorträge, Workshops und Tunten-Shows in Dresden und im Umland. Wir sind außerdem in politischen Netzwerken wie Pro Choice organisiert und kooperieren im Allgemeinen sehr gern mit anderen Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen. Mittlerweile sind wir auch öfter in ganz Deutschland zu Vorträgen und Panels über Diversität in der Musik- und Punkszene eingeladen und teilen unsere Erfahrungen (Freude & Frustration halten sich die Waage) hierzu gern. Der DIY (do it yourself) spirit des Punk ist uns sehr wichtig. Wir arbeiten (fast) ausschließlich mit nicht-kommerziellen Acts, das Musikbusiness interessiert uns nicht. Musikalisch mögen wir alles, was Krach macht und damit Energie freisetzt: Punk, Garage, Power Violence, Wave… wir beschränken uns allerdings nicht auf ein Genre. Wir veranstalten hauptsächlich feministische Künstler*innen oder Acts, deren Position wir wichtig und unterstützenswert finden. Deshalb haben wir auch schon Hip Hop- und Pop-Konzerte veranstaltet.

Bei uns kann jede alles ausprobieren, was sie lernen möchte. Innerhalb unseres Kollektivs legen wir großen Wert darauf, unsere Kompetenzen zu vermitteln. Unsere Gruppe ist offen, jede*r die*der sich engagieren möchte, kann einsteigen. Wir haben in den letzten Jahren fünf Festivals, über 30 Konzerte und um die 100 Bildungsveranstaltungen organisiert. Unser Fokus ist es, Frauen und queeren Menschen im Punk einen Platz zu geben, eine Diskussion über Diversität und Sexismus im Veranstaltungsbereich im Allgemeinen anzustoßen, neue Konzepte dafür zu entwickeln, wie Konzerträume inklusiver gestaltet werden können und so lange diese politische Agenda zu verfolgen, bis sich etwas ändert.

Außerdem haben wir ein eigenes Fanzine (ZANK), welches im März 2019 zum zweiten Mal erscheint.

 

 

Was hat es mit eurem Namen auf sich?

 

Einerseits wollten wir mit einem typischen Frauenklischee aufräumen, nämlich, dass Frauen in Szenen (und im Allgemeinen) immer die sind, die die sozialen Aufgaben erledigen. Beispielsweise die Gruppe zusammenhalten, darauf achten, dass sich alle wohlfühlen, dumme Kommentare einfach weglächeln – also das Gegenteil von böse und gemein. Wir hatten die Schnauze voll von dieser elenden Ignoranz. Denn nach über 100 Jahren feministischer Kämpfe für Gleichheit und Gerechtigkeit, kommen die meisten Booker immer noch mit der Ausrede davon, sie würden angeblich kein Geschlecht sehen. Und buchen dann aber ausschließlich all-male-lineups.
Außerdem wollten wir tatsächlich anzeigen: wir meinen es extrem ernst! Der Name spielt auf ein Klischee an, welches es über Feminist*innen gibt, nämlich, dass sie humorlos seien. Auf diesen Stereotyp wollten wir anspielen und ihn gleichzeitig auf den Arm nehmen. Denn, wir sind natürlich nicht total ernst, böse gucken auf Konzerten, das machen andere. Der Name soll also maximale Verwirrung stiften, weil er so sehr stimmt wie er sich gleichzeitig dekonstruiert.

Es war aber tatsächlich der erste und einzige Vorschlag und der hat gepasst.

 

 

Wie kam es, dass ihr dieses Jahr bei MusicMatch dabei seid, was hat euch dazu bewogen bzw. was erhofft ihr euch?

 

Unser Kollektiv wurde im letzten Jahr in der Kategorie „Industry“ mit einem Preis beim MusicMatch ausgezeichnet. Das hat uns vor eine herausfordernde Situation gestellt, war doch der Headliner des MusicMatches 2018 ein frauenfeindlicher Deutschrapper, der in seinen Songs Gewaltphantasien gegen Frauen ausbreitet und mit homophonen Kollegen kollaboriert. Wir haben uns nach einem längeren Diskurs dazu entschieden, den Preis anzunehmen, aber unsere Dankesrede dazu zu nutzen auf diesen Missstand hinzuweisen und das Festival für dieses Booking zu kritisieren. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, weil wir uns dadurch mehr Aufmerksamkeit für die Themen Sexismus und Homophobie erhofften. Wir dachten das sei wirkungsvoller, als abzusagen und selbst dazu etwas zu veröffentlichen. Da kräht nämlich meist leider kein Hahn danach. Die positive Entwicklung war, dass die Veranstalter*innen unglaublich offen und selbstkritisch auf unsere Kritik reagiert haben. Das passiert sehr selten. Von Dresdner Gruppen kennen wir es so, dass selbst die kleinste Kritik reflexartig zurückgewiesen wird. Das MusicMatch-Team war da wirklich anders und wir konnten so weit gemeinsam in einen Diskurs gehen, dass wir uns nun sogar mit unseren Inhalten beteiligen können. Das ist ein best practice Beispiel für den Umgang mit einer konflikthaften Situation auf allen Seiten. Wir freuen uns darauf, im Rahmen des MusicMatch außerhalb unserer Szene mit Akteur*innen in Diskussion zu kommen, vor allem bei unserem Workshop über Awarenesskonzepte für Veranstaltungen. Und natürlich hoffen wir, tolle andere Frauen und Queers und Musiknerd*innen zu treffen.

 

 

Was trägt böse&gemein zum Festival bei, wo ist eure Handschrift zu erkennen?


Wir haben die Festivaleröffnung am Freitagabend musikalisch zusammengestellt. Da spielen Deutsche Laichen, eine feministische Punkband aus Göttingen, die nicht nur durch die Decke gehen, sondern auch zu 100 % unsere politische Agenda teilen. Bei den Laichen geht es um Selbstbestimmung, Diskriminierungserfahrungen, Ungerechtigkeit. Sie haben alle erst mit der Bandgründung vor ein paar Jahren ihre Instrumente gelernt. Solche Rolemodels sind extrem wichtig in dieser Mukker-Booker-Wichtigtuer-Welt. Außerdem haben wir noch I Drew Blank, eine neue Indie/Garage-Band eingeladen, in der Oyèmi von vormals Jaguwar singt und Bass spielt. Wir möchten damit unsere Wertschätzung für Oyèmis jahrelange Aktivität in der lokalen Bandszene ausdrücken. Außerdem ist auch ihre neue Band fantastisch. Es wird wohl noch mehr Programm drum herum geben, lasst euch überraschen.

An der Konferenz beteiligen wir uns mit einem Workshop und als Gäste sind wir auch die ganze Zeit anzutreffen.

 

 

Thema Music for a New Society – welches sind die Themen, die wir im Jahr 2019 als Musik- und Kulturszene am dringendsten angehen sollten?

 

In Sucksen kommen wir nicht um den anstehenden Rechtsruck herum. Wir versuchen als Kollektiv auch außerhalb der Stadt zu veranstalten, beispielsweise in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge, oder in Riesa. Wir kommen um „das Politische“ nicht mehr herum, weder in der Musik, noch in der Kultur. Es geht gerade darum, dass uns die wenigen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Freiräume, die uns noch bleiben, wieder genommen werden sollen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen und das geht nur mit allen gemeinsam.

 

 

Wenn ihr nicht gerade bei MusicMatch seid, wo kann man eure Arbeit (live) verfolgen?

 

In den Sozialen Medien. Ernsthaft! Denn wir haben keinen festen Ort in Dresden, veranstalten in verschiedenen Räumen und tagen an diversen Orten. Die Onlinewelt, bzw. Social Media, ist die Konstante, durch die wir kontinuierlich nach außen kommunizieren. Zwei Mal monatlich plenieren wir. Diese Treffen sind offen und wir freuen uns über interessierte Menschen und Anfragen. Konzerte veranstalten wir 1 bis 2 Mal im Monat und neue Leute sind immer willkommen.

 

Wir bedanken uns für das Interview und freuen uns auf böse&gemein am 5.4. bei MusicMatch 2019!