Jäger des verlorenen Schatzes

24. Januar 2019

Ein kurzer Einblick in die Historie und Struktur des Live-Marktes

 

 

42 – die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Ein wenig höher, nämlich bei fast 46, liegt der Preis, den Probanden einer Umfrage der Branchenriesen der deutschen Musikindustrie (unter ihnen GEMA, GVL, LiveKomm und dem Bundesverband der Musikindustrie BVMI) im Schnitt für ein Konzert der Lieblingsband bereit wären auszugeben. Eine solche gestiegene Zahlungsbereitschaft ist angesichts gestiegener Ticketpreise nötig; die Gründe für die steigenden Ticketpreise vielschichtig.

Der wohl offensichtlichste liegt im Wandel der Branche. Durch den stetigen Rückgang des Absatzes von Tonträgern liegt das Geld für Künstler*innen buchstäblich auf der Straße. Wie bereits erklärt, kann auch das Streaming die Verkaufszahlen der 80er, 90er und 2000er Jahre nicht ersetzen. Die Mechanismen kehren sich um. Während vor 30 Jahren Bands noch tourten, um den Verkauf der Alben voranzutreiben, ist Livemusik heute die Haupteinnahmequelle für Musiker*innen und nicht mehr Mittel zum Zweck.

 

 

Live is Life / Na naaaa na nana

Opus – Live is Life

 

 

Ein anderer Auslöser für eine solche Entwicklung findet sich in der Struktur der Livebranche selbst. Wir schreiben das Jahr 1996. Die Welt war…naja, vielleicht nicht besser, aber zumindest ein andere. Dann setzte US-Präsident und Saxofon-Legende Bill Clinton seine Unterschrift unter den Telecommunications Act und trat damit eine Entwicklung los, die bis heute anhält. Was als Konjunkturprogramm gedacht war und den Wettbewerb in der Telekommunikations- und Veranstaltungsbranche beleben sollte, entwickelte sich zum Auslöser einer Verdichtung des Marktes.

Das Gesetz gab Medienunternehmen die Erlaubnis, andere Firmen im selben Marktsegment aufzukaufen. Davon machte insbesondere ein kleiner Radiosender aus Texas Gebrauch: Channel Clear, mehr als zwanzig Jahre später bekannt unter dem Namen iHeartMedia. Neben verschiedenen Radiostationen bediente sich das Unternehmen auch in der Livebranche. Die Zukäufe mussten jedoch später wieder abgestoßen werden und sind heute unter dem Namen Live Nation weltweit bekannt. Aus dem vormals stark regional- und lokal segmentierten Veranstaltungsmarkt der USA entwickelte sich ein Oligopol. Live Nation ist, gefolgt von CTS Eventim, heute der größte Veranstalter und Ticketanbieter. Das Besondere ist nicht nur, dass die Branchenriesen in der Veranstaltungsorganisation Marktmacht ausüben, sondern dass sie über Ticketing, Management und als Betreiber von Veranstaltungsräumen noch an anderen Stellen im Markt auftreten. Zu Eventim gehören beispielsweise die Waldbühne in Berlin, das Apollo in London und die Lanxess Arena in Köln, die laut einer Studie der amerikanischen Fachzeitschrift Pollstar die meisten Ticketverkäufe weltweit im ersten Halbjahr 2018 verzeichnen konnte.

 

 

“Soweit CTS Eventim seine Vertragspartner verpflichtet, Tickets ausschließlich über das Ticketsystem von CTS zu vermitteln, nutzt das Unternehmen seine Marktmacht zulasten des Wettbewerbs aus.”

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskatellamtes

 

 

Wer so viel Einfluss auf dem Veranstaltungs- und Ticketmarkt in sich vereint, auf den wird früher oder später auch die Politik aufmerksam. Das Bundeskartellamt untersagte beispielsweise Exklusivdeals, die Eventim mit Veranstalter*innen und Vorverkaufsstellen geschlossen hatte. Auch die Übernahme der Agentur Four Artists durch Eventim wurde vom Bundeskartellamt untersagt und eine Beschwerde durch das Unternehmen vom Oberlandesgericht Düsseldorf abgewiesen.

Auch im Bundestag stand das Ticketunternehmen bereits auf der Agenda.  Auf eine entsprechende Anfrage der GRÜNEN antwortete die Bundesregierung: „Da Ticketsystemdienstleistungen für Veranstalter eine wertmäßig erhebliche Vorleistung für den Vertrieb von Tickets an Endkunden darstellen, hat diese geringe Wettbewerbsintensität in der Tendenz auch negative Auswirkungen auf die Endkundenmärkte für Tickets, z.B. in Form höherer Gebühren für das Ticketing.“ Oder einfacher gesagt: wenn es kaum Wettbewerb auf dem Markt für Systemdienstleistungen gibt, können die Gebühren, die auf Ticketkäufer*innen abgewälzt werden, entsprechend höher ausfallen.

Kleine Randnotiz in Sachen Diversifizierung des Firmenportfolios: Zum Jahreswechsel 2018/2019 wurde bekannt, dass Eventim vom Bundesverkehrsministerium beauftragt wurde, die PKW-Maut in Deutschland umzusetzen – Auftragsvolumen 2 Milliarden Euro.

 

FE