“Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte”

31. Januar 2019

Warum die Kultur für die Politik so wichtig ist

 

 

Aufgepasst, Geschichtsstunde! 1891 wurde auf Sardinien Antonio Gramsci geboren, der sich in der Folge nicht nur zu einem Mitbegründer der Kommunistischen Partei in Italien aufschwingen sollte, sondern auch zu einem der führenden Theoretiker der Linken in Europa und darüber hinaus. Das besondere an seinen Ideen und Theorien war, dass er mit der urmarxistischen Vorstellung brach, dass die Kultur nur eine Art Überbau zur Basis der gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnisse darstellt. Gramsci sah zwei Mechanismen, die die herrschende Klasse eines Staates festigten. Einerseits den staatlichen Zwang, andererseits die Hegemonie, eine Art ideologischer Kampf, der sich in kulturellen Vorstellungen, Meinungen und Werten abbildet. Um die Hegemonie streiten verschiedene Akteur*innen, so beispielsweise politische Strömungen. Der Ort, an dem die Kämpfe um Hegemonie gefochten werden, bezeichnete Gramsci als Zivilgesellschaft und prägte damit diesen Begriff.

Warum das wichtig ist? Nun, weil sich mittlerweile auch andere Strömungen ur-linker Ideen bedienen und diese für ihre Zwecke zu nutzen versuchen. Einer der Vordenker der Neuen Rechten ist der französische Philosoph Alain de Benoist, der mit seinem Werk Kulturrevolution von rechts von 1985 Gramscis alte Ideen aufgreift. Er bemerkt: „Alle großen Revolutionen der Geschichte haben nichts anderes getan, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte.“ (S. 38). Anders gesagt: Ein Staatsstreich oder eine politische Neuordnung haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung für diese neuen Ideen bereits gegeben ist. Es gilt demnach, zuerst die Köpfe zu gewinnen, bevor man entsprechende Funktionen ausfüllen kann.

 

 

 […] ein politischer Umsturz schafft eine Situation nicht, er sanktioniert sie.

Alain de Benoist – Kulturrevolution von rechts

 

 

Ein Weg, genau das zu tun, verbirgt sich hinter dem Konzept der Metapolitik. Darunter versteht man nichts anderes als Aktionen, die der Erlangung der Hegemonie dienen. Vereinfacht gesagt geht es darum, die öffentliche Meinung zu prägen. Konkret sieht das so aus, dass man nicht nur die Themen bestimmt, die in der Öffentlichkeit besprochen werden, sondern auch die Sprache, die dabei verwendet wird. Die Identitäre Bewegung ist beispielsweise eine Gruppierung, die durch gezielte Aktionen Metapolitik betreibt, um so den Diskurs für neu-rechte Ideen zu öffnen und diese salonfähig zu machen. Dabei greifen sie gern auf Symbole der Populärkultur zurück, da diese auf den ersten Blick scheinbar unpolitisch wirken. Benoist schrieb dazu, dass unpolitisch wirkende Formen und Symbole „[…] um so [sic!] wirkungsvoller sind, als man sie zu Beginn nicht als politisch erkennt, sie aber eine langsame Entwicklung, eine langsame Verschiebung der Mentalitäten von einem Wertesystem in Richtung auf ein anderes verursachen.“ (S. 79)

Häufiges Ziel dieser Attacken sind Akteur*innen und Ideen der 68er-Bewegung. Sie gilt als eine der Strömungen, die es tatsächlich geschafft hat, Moral- und Wertvorstellungen bis in die heutige Zeit zu prägen und damit die Hegemonie innehat. Die Diskreditierung als „links-grün versifft“ zielt darauf ab, gesellschaftliche Errungenschaften wie Toleranz und Offenheit zu revidieren und durch ausgrenzende Vorstellungen zu ersetzen. Oder nach den Ideen Gramscis, die Hegemonie wieder auf die rechte Seite zu ziehen.

 

 

Zu schweigen läuft nur darauf hinaus, denjenigen, die reden, zusätzliche Macht zu geben.

Alain de Benoist – Kulturrevolution von rechts

 

 

Hey, aufwachen da hinten, es ist auch für mich die sechste Stunde! – Wo waren wir? Ach ja. Es sollte mittlerweile klar sein, dass die Kultur und damit auch die Musik eine entscheidende politische Rolle in den besprochenen Theorien einnimmt und damit gleichzeitig zur Zielscheibe wird. Auf dem Weg zum Hegemon muss alles Anderslautende und Andersdenkende übertönt werden, damit sich neue Vorstellungen und Werte in der Gesellschaft festsetzen. Die Frage, ob die Kulturszene also grundsätzlich mit Änderungen und Repressionen zu rechnen hätte, sollten rechte Parteien massive Wahlerfolge einfahren, wäre damit beantwortet.

Es ließe sich diese Kausalität Gramcis allerdings auch umkehren, dann stünde die Erklärung: Nur, weil in der Vergangenheit durch Musik, Theater, Filme und Literatur gewisse Moral- und Wertvorstellungen verbreitet und gefestigt worden sind, gibt es heute so viel Fläche, an der sich eine Neue Rechte erst reiben muss. Damit wäre der Kultur und der Musik auch ein politischer Auftrag zugewiesen, zumindest aber zugestanden, dass sie eine politische Wirkungsmacht innehat.

Ob diese theoretischen Befunde der Praxis allerdings standhalten, ist Thema verschiedener Programmpunkte bei MusicMatch 2019. Wir beschäftigen uns nicht nur mit den Folgen der Wahlen im Jahr 2019 für die lokale Musik- und Kulturszene, sondern auch mit der grundsätzlichen Frage, welches politische Potenzial Musik besitzt und ob es nicht moralisch verwerflich ist, Musik generell für politische Zwecke zu nutzen, egal von welcher Seite.

 

FE