Schweigen ist Gold?

14. Februar 2019

Zwischen wirtschaftlichem Kalkül und Selbstzensur

 

Die Schere im Kopf – wortwörtlich ein guter Grund für den Besuch einer nahegelegenen Notaufnahme; metaphorisch eine gebräuchliche Formulierung für Selbstzensur. Bei dem Begriff Selbstzensur denkt man wahrscheinlich als erstes an Künstler*innen in der DDR oder während der Nazizeit – innere Emigration, oder so ähnlich.

Vereinfacht gesagt war die Sachlage folgende: Der Staat kontrollierte über Druckgenehmigung, Mitgliedschaften in Verbänden und Institutionen oder Spielerlaubnis, wer als Akteur*in am Kulturbetrieb teilnehmen durfte. Wer unliebsame Inhalte verbreitete, oder wie im Dritten Reich schlichtweg „falsche“ Vorfahren hatte, musste, neben strafrechtlichen Konsequenzen, mit Entzug der staatlichen Erlaubnis für Auftritt und Publikation rechnen. Ein solches Verfahren, die Vorgabe von erlaubten Inhalten und das Verbot anderslautender Meinung, ist gemeinhin als Zensur bekannt. Der Vorgang, der viel früher ansetzt, nämlich bevor ein fertiges Kunstwerk einer Zensurbehörde vorgelegt wird, ist Selbstzensur. Letztlich versteht sich darunter ein Prozess, oder vielmehr Nicht-Prozess, bei dem Künstler*innen ein gewisses Kunstwerk, eine bestimmte Aussage gar nicht tätigen, weil die Folgen absehbar sind und Konsequenzen vermieden werden sollen. Mit zunehmender Zensur und Repression nimmt in der Regel auch Selbstzensur zu.

Nun leben wir gemeinhin in einem Rechtsstaat, dessen Grundgesetz Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit garantiert. Einer Zensur im klassischen Sinne ist per Gesetz ein Riegel vorgeschoben. Dennoch stellte das PEN-Zentrum Deutschland in einer Studie von 2018 fest, dass bereits drei Viertel der befragten Autor*innen und Journalist*innen eine steigende Tendenz von Anfeindungen ausmachen. Mehr als die Hälfte hat bereits persönliche Angriffe erlebt, sei es anonym im Netz oder verbal und körperlich auf offener Straße. Daraus ergibt sich eine Tendenz, dass Betroffene kritische Themen meiden und ihre Aktivitäten in sozialen Netzwerken einschränken.

 

 

Im Leben versagt, in der Politik versagt und der letzte Weg vor dem Untergang ist bekanntlich ein “Buch”. Aber nichtmal das haben Sie hier geschafft.

Auszug einer Amazon Rezension

 

 

Der Druck der heutigen Zeit geht also vielmehr von einer scheinbaren öffentlichen Meinung aus, weniger von staatlichen Institutionen. In der Anonymität des Internets und in der Hysterie vieler aktueller Debatten geht es oft um Lautstärke, Aggressivität und Ignoranz, die mit argumentativer Überlegenheit und Wahrheit verwechselt werden. Der Rückzug aus Debatten oder gar sozialen Netzwerken können die Folge sein. Gleichzeitig fördert dieser Druck bei einigen auch das Bedürfnis, Stellung zu beziehen.

Aber lassen sich solche Befunde einfach auf die Musikszene übertragen? Auch hier gibt es zahlreiche Ansatzpunkte. Es kann passieren, dass man sich durch einen Song oder eine Aussage mehr oder weniger beabsichtigt ins Abseits befördert. Manchmal reicht ein einfaches Konzert, das an einem falschen Ort oder vor falschem Publikum gespielt wurde oder eine Veröffentlichung bei einem Label, dessen Besitzer*in früher einmal Verbindungen…und so weiter.

Aber eine zunehmende Politisierung ist gerade in der Pop-Musik nicht zu beobachten. Inwiefern eine vehemente Nicht-Positionierung in politischer Hinsicht, wie sie Torsten Groß in seinem Essay Status: Es ist kompliziert – Der deutsche Pop und sein Verhältnis zu Politik und Gesellschaft bemängelt, ebenfalls mit Selbstzensur zu tun hat, ist fraglich. Bekannte Künstler*innen hätten durch eine öffentliche Positionierung sicherlich mit Anfeindungen und mit Umsatzverlusten zu rechnen. Andererseits kann eine solche Positionierung möglicherweise auch Sympathien in anderen Hörerschichten einbringen.

Die Frage ist dabei, ob man im klassischen Sinne von Selbstzensur sprechen kann, wenn es lediglich darum geht, eine Aussage aus ökonomischen Gründen nicht zu tätigen. Der Übergang zum bloßen Kalkül ist fließend. Auch bleibt offen, ob dieses politische Schweigen vom Künstler*in selbst kommt, oder vom Management aus wirtschaftlichen Gründen verordnet wird. Anderen wiederum fällt es schwer, den richtigen Ton zu finden. Die klare, fast schon plakative Positionierung ist eben nicht jedem Genre und Stil inklusive.

 

 

Ich möchte an den Punkt kommen, dass klar ist, wo ich stehe. Und ich suche nach einem Weg, wie ich das klären kann.

Mark Foster im Interview mit Spiegel-Online (17.11.2018)

 

 

Auch bei MusicMatch 2019 wird diese Thematik in verschiedenen Beiträgen aufgegriffen. So gehen wir beispielsweise der Frage nach, mit welchen Folgen Künstler*innen und Veranstalter*innen zu rechnen haben, sollten durch die kommenden Wahlen tatsächlich erneut streng autoritär denkende Parteien entsprechende Mehrheitsverhältnisse erreichen können.

Ihr kommt einfach nicht drum herum, am Ende dieses Beitrages MUSS folgerichtig eine Empfehlung zu einem Besuch von MusicMatch 2019 stehen. Also bitte: Wer durch diese Fragen um den Schlaf gebracht wird, wem Argumente unter den Nägeln brennen, die schon immer zu diesem Thema geäußert werden mussten, sollte über einen Besuch bei MusicMatch (5.-7.April 2019) ernsthaft und frei nachdenken.

 

FE