The Future is Now

10. Januar 2019

Über Heilsbringer und Schreckgespenster in der aktuellen Musikindustrie.

 

AI and Blockchain are not going to save us! (Reeperbahn Festival), Label turmoil aka…How Streaming has won in the West (Nouvelle Prague), Fuck AI – How to rescue creativity with love and data (Most Wanted: Music) – oft wird, zumindest im Titel, der Teufel einer neuen, digitalen Entwicklung an die Wände großer Musikkonferenzen gemalt. Und auch in der Musik selbst finden sich immer wieder Beispiele der Angst, dass ein technologischer Fortschritt Vertrautes verändern- und Geliebtes zerstören könnte. Die wohl eindringlichste Geschichte dazu liefert der 1979 erschienene Ohrwurm Video Killed the Radio Star von dem ansonsten völlig unbekannten Pop-Duo The Buggles. Reumütig heißt es da „We can’t rewind we’ve gone too far“.

Selbstbewusst begann mit diesem Song MTV am ersten August 1981 sein Programm und läutete damit die Ära des Musikfernsehens ein, die, ja wann eigentlich?, ihr stilles Ende nahm. Dass sich mit solchen Untergangsfantasien schon immer Publikum gewinnen konnte, zeigt sich an den Chartplatzierungen der Single: Platz Eins in Großbritannien, Österreich und der Schweiz; in Deutschland reichte es immerhin für Platz zwei.

 

 

We can’t rewind we’ve gone too far

The Buggles – Video Killed the Radio Star

 

 

Das Musikvideo tötete also das Radio; die Kassette das Vinyl, die dann wiederum der Strahlkraft der CD zum Opfer fiel. Physische Datenträger wurden vom Download eingestampft und jetzt also Streaming. Nein, so ganz geht diese Rechnung wohl nicht auf, schließlich verschweigt sie die Wiedergeburt der Schallplatte, die am liebsten inklusive kostenlosem Download daherkommt; und die kaum zutreffende, aber spektakuläre Meldung, dass die Serie Stranger Things mit ihrem 80er Vibe ein Revival der Kassette einleiten würde.

Zum Stand und zur Zukunft der Musikindustrie lohnt also ein Blick auf die nüchternen Fakten. Die 1990er kann man wohl als das goldene Zeitalter der Musikindustrie bezeichnen. Zahlen des Bundesverbands der Musikindustrie belegen einen Höchststand des Umsatzes mit CDs auf dem deutschen Markt im Jahr 1997. Nur zwei Jahre später konnte immerhin der Umsatz mit Single-CDs noch einmal Rekordumsatz vermelden. Seit diesen glorreichen Jahren geht der Umsatz mit physischen Tonträgern kontinuierlich zurück, daran kann auch der seit 2009 wieder wachsende Absatz von Vinyl nichts ändern. Selbst der Downloadmarkt, der immerhin 2013 noch Rekordumsätze in Deutschland vermelden konnte, zeigt in den letzten Jahren dramatisch rückläufige Zahlen.

 

 

How music changes through the years

Queen – Radio Ga Ga

 

 

Profiteur*innen dieser Entwicklung sind, wenig überraschend, in erster Linie Streaming-Dienste. In einer von Branchengrößen und Institutionen wie der GEMA, der GVL, der LiveKOMM und dem BVMI beauftragten Studie gaben ein Viertel der befragten Musikhörer*innen im Alter zwischen 16 und 70 Jahren an, sogar kostenpflichtige Premiumdienste bei Streaming-Portalen zu nutzen. Wie der französische Musikindustrieverband SNEP 2015 recherchierte, profitieren von diesen 9,99€ im Monat in erster Linie die Labels. Nach Abzug der Anteile für die Steuer und den Dienstleister selbst bleiben 6,24€. Davon gehen 5,24€ an die Labels, die davon wiederum 0,68€ an die Interpret*innen abführen. Nun bleibt jedoch zu bedenken, dass sich diesen Gewinn aus einem Abo alle Künstler*innen teilen müssen, die von der entsprechenden Person gestreamt wurden. Da sich unter dem Dach der Majorlabels jedoch mehrere Interpret*innen versammeln, ist die Anzahl an Künstler*innen, die sich die 0,68€ teilen müssen, deutlich höher als die Anzahl der Labels, die 4,56€ untereinander aufteilen. Zwar gibt die Studie auch an, dass vom Anteil der Labels noch die Produktionskosten der Titel abgezogen werden müssen, doch trifft dies nur auf Neuproduktionen zu.

Dass Spotify selbst noch nicht von diesem Modell leben kann, zeigt ein Artikel der FAZ vom 1.11.2018, in dem vom ersten erwirtschafteten Gewinn des schwedischen Unternehmens berichtet wird. Dieser kam jedoch nur durch eine Unternehmensbeteiligung zustande, sodass in zukünftigen Quartalen auch weiterhin rote Zahlen zu erwarten sind.

Ob diese Zahlen Einfluss auf die Zukunft des mittlerweile an der Börse aktiven Unternehmens hat, ist unklar, ebenso wie die Frage, ob das Schicksal der Musikindustrie mit dem Börsenwert eines schwedischen Streamingunternehmens steht und fällt. Dann sollte man es lieber neutral observierend mit Queen halten: „How music changes through the years“, denn tot zu kriegen, war bis jetzt nur wenig in der Musikbranche. Selbst MTV soll es wieder im FreeTV geben. Kann das mal jemand nachschauen? Ich habe keinen Fernseher mehr.

 

FE